Kapitel 03: Routing, Patching & Signalverteilung
Die Routing-Matrix des Behringer X32 und Midas M32 ist eines der flexibelsten und zugleich meistunterschätzten Systeme des Mischpults. Seit Firmware 4.0 wurde die ursprüngliche feste Einteilung in Achter-Blöcke durch das User 1:1 Routing erweitert. Damit lässt sich jede physische Buchse (lokale XLRs, Stagebox-AES50, Erweiterungskarte oder Aux-Klinken) völlig frei und einzeln auf jeden beliebigen Kanalzug oder Ausgang patchen.
Dieses Kapitel erläutert die Routing-Architektur, Signalabgriffpunkte (Tap Points), Ein- und Ausgangs-Patching sowie praxisbewährte Routing-Vorlagen.
1. Übersicht der Routing-Architektur
Das Mischpult unterscheidet zwischen drei getrennten Ebenen: Physische Anschlüsse, die Patch-Matrix und der Kanalzug (Channel Strip):
| Stufe | Wo am Pult | Was Sie wählen |
|---|---|---|
| 1. Physische Anschlüsse | — | Local XLR 1–32, AES50 A 1–48, AES50 B 1–48, Card 1–32, Aux In 1–6 |
| 2. User-Input-Patch (Firmware 4.x) | Routing → Reiter User | Eine beliebige physische Buchse für jeden der User In 1–32 |
| 3. Eingangsblöcke | Routing → Reiter Home | Für die Eingänge 1–8, 9–16, 17–24 und 25–32 jeweils: Local, AES50 A/B (1–8 … 41–48), Card (1–8 … 25–32) oder User In |
| 4. Kanalquelle | Channel → Config → Source | Auf 1:1 lassen (Kanal 1 = In 1, Kanal 2 = In 2, …) |
Grundregel: Verändern Sie die individuelle Kanalquelle im Menü Channel → Config nur bei speziellem Channel-Splitting. Belassen Sie die Kanalquellen immer auf 1:1 (In 1 bis In 32) und führen Sie alle Patch-Änderungen zentral im Menü ROUTING durch. Dies verhindert unübersichtliche Fehlzuweisungen und stumme Kanäle bei der Fehlersuche.
2. Block-Routing vs. User 1:1 Routing
Klassisches Block-Routing (Firmware 1.x – 3.x):
Eingänge und Ausgänge wurden ausschließlich in festen Achter-Gruppen geroutet:
- Inputs 1–8 = Local 1–8
- Inputs 9–16 = Local 9–16
- Inputs 17–24 = AES50 A 1–8
- Inputs 25–32 = AES50 A 9–16
Die Einschränkung: Wer 28 Kanäle von der Bühne über eine Stagebox empfing und 4 drahtlose Funkstrecken am FOH-Pult einstecken wollte, musste für die 4 Funkmikrofone einen vollen 8er-Block der Bühnen-Stagebox opfern.
Firmware 4.x User Routing:
User Routing bietet vollständige 1:1-Freiheit:
- User In (32 Slots): Jeder einzelne Slot kann frei auf jeden beliebigen physischen Eingang geschaltet werden (Local 1–32, AES50 A 1–48, AES50 B 1–48, Card 1–32, Aux In 1–6, Talkback).
- User Out (48 Slots): Benutzerdefinierte Ausgangs-Patchbay für physische Eingänge, Mix-Busse, Matrizen, Main LR, Monitorbus oder Direktausgänge.
3. Signalabgriffpunkte (Output Tap Points)
Wann immer ein Signal auf einen analogen XLR-Ausgang, einen Aux-Ausgang, den Ultranet-Bus (P16) oder eine Spur der USB-Karte geroutet wird, muss der Abgriffpunkt (Tap Point) festgelegt werden. Ein falsch gewählter Abgriffpunkt ist die häufigste Ursache für Probleme beim Monitoring oder Recording.
| Abgriffpunkt | Greift das Signal ab … | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| In / LC | Direkt nach Vorverstärker und Low Cut; vor Gate, EQ und Dynamik | Mehrspuraufnahme, Direct Outs |
| Pre EQ | Nach dem Gate, vor EQ und Kompressor | Feeds mit Rohklang |
| Post EQ | Nach dem EQ, vor dem Kompressor | Monitormischungen ohne Kompressorpumpen |
| Pre Fader | Nach EQ und Dynamik, vor Mute und Fader | Bühnenmonitore und In-Ear-Mischungen |
| Post Fader | Nach Fader, Panorama und Mute | Effekt-Sends, Broadcast- und Aufnahmemischungen, die dem FOH folgen |
| Abgriffpunkt | Signalcharakteristik | Empfohlener Einsatzzweck |
|---|---|---|
| IN / LC | Völlig unverändertes, sauberes Rohsignal direkt nach Gain und Hochpassfilter. Faderbewegungen, Mute, EQ und Kompressor haben keinerlei Auswirkung. | Mehrspur-DAW-Aufnahme: Garantiert saubere Rohspuren für den späteren Studio-Mixdown. |
| PRE EQ | Signal inklusive Gain und Gate; umgeht EQ und Kompressor. | Spezielle Monitoranwendungen oder externes Parallel-Processing. |
| POST EQ | Signal inklusive Gain, Gate und EQ; umgeht den Kanalkompressor. | Mitschnitte oder Broadcast-Sends, wenn EQ-Korrekturen gewünscht sind, aber kein Kompressorpumpen auf der Aufnahme landen soll. |
| PRE FADER | Signal inklusive EQ und Dynamikbearbeitung; völlig unabhängig von Kanal-Faderstellung und Mute. | Bühnenmonitore & In-Ear-Monitoring (IEM): Faderbewegungen des FOH-Mischers verändern nicht die Lautstärke im Ohr der Musiker! |
| POST FADER | Streng abhängig von Faderstellung, Panorama und Mute-Status des Kanals. | Effekt-Sends (Hall/Delay), Haupt-PA-Lautsprecher, Matrizen, Delay-Lines und Livestream-Mischungen. |
| SUBGROUP | Feste 1:1-Summierung ohne Pegelregler (feste Einheitsverstärkung / 0 dB). | Schlagzeug-Subgruppen, Bläsersätze oder Chöre. |
4. Die Ausgangs-Routing-Menüs im Detail
Drücken Sie die Taste ROUTING, um die verschiedenen Ausgangs-Tabs zu konfigurieren:
A. Menü Out 1–16 (Analoge XLR-Ausgänge)
Konfiguriert die 16 rückseitigen XLR-Ausgangsbuchsen (oder über AES50 an digitale Stageboxen gesendete Ausgänge):
- Output 1–16: Bestimmt Quellkategorie (Main, Mix Bus, Matrix, Direct Out) und Abgriffpunkt (Tap Point).
- Standard-Belegung:
- Outs 1–8: Mix-Busse 1–8 (Bühnenmonitore / In-Ear-Wege).
- Outs 9–12: Mix-Busse 9–12 (Weitere Monitore oder Subgruppen).
- Out 13: Matrix 1 (Frontfills).
- Out 14: Mono/Center-Bus (Subwoofer-Weg).
- Out 15 & 16: Main Left & Main Right (Haupt-Beschallungsanlage).
B. Menü Aux Out (6,35-mm-Klinkenausgänge)
Konfiguriert die 6 symmetrischen Klinkenbuchsen auf der Pultrückseite:
- Ideal für Zuspielungen in Künstlergarderoben, Foyer-Beschallung, Videomitschnitte oder externe Hardware-Effektgeräte.
- Aux 5 und Aux 6 verfügen über parallele Cinch-Buchsen.
C. Menü Ultranet (P16 Personal Monitoring)
Weist dem Ultranet-EtherCON-Port 16 diskrete Audiosignale zu. Versorgt Behringer P16-D Signalverteiler und P16-M Personal-Mixer direkt mit Audio und Strom:
- Bewährte Praxis: Signale auf Pre-Fader oder Post-EQ abgreifen, damit Musiker ihren Bühnensound unabhängig von FOH-Faderfahrten hören.
D. Menü Card Out (32-Kanal-DAW / USB-Erweiterung)
Definiert die 32 Audiosignale, die über die Erweiterungskarte (X-USB, X-LIVE, X-DANTE) gesendet werden:
- Für Live-Mitschnitte routen Sie Local 1–32 oder AES50 A 1–32 direkt auf Card Out.
- Als Abgriff wählen Sie IN / LC für saubere, unkomprimierte Studio-Spuren.
E. Menüs AES50 A Out & AES50 B Out (Jeweils 48 Kanäle)
Sendet digitale Audiodaten über die EtherCON-Leitungen an Stageboxen, In-Ear-Systeme (DP48) oder Zweitkonsolen.
5. Drei praxisbewährte Routing-Vorlagen
Vorlage 1: 28 Stagebox-Eingänge + 4 FOH-Funkmikrofone
Situation: Eine S32-Stagebox auf der Bühne liefert 28 Signale über AES50 Port A. Vier Funkempfänger stehen im FOH-Rack und sind an den lokalen XLR-Eingängen 1–4 des Pultes eingesteckt.
- Drücken Sie ROUTING und wechseln Sie zum Tab User.
- Wählen Sie mit dem ersten Encoder User In.
- Stellen Sie die Slots 1 bis 28 auf
AES50 A 1bisAES50 A 28. - Stellen Sie die Slots 29 bis 32 auf
Local In 1bisLocal In 4. - Wechseln Sie zum Tab Home (Eingangsblöcke).
- Belegen Sie die vier Eingangsblöcke:
Inputs 1-8= User In 1-8Inputs 9-16= User In 9-16Inputs 17-24= User In 17-24Inputs 25-32= User In 25-32
- Ergebnis: Auf den Kanalzügen 1–28 liegt die Bühne; auf den Kanälen 29–32 liegen die lokalen Funkstrecken – ohne dass ein kompletter 8er-Block der Stagebox verloren geht!
Vorlage 2: 30 Eingänge + Stereosumme über USB aufnehmen
Situation: Sie möchten 30 Kanäle einzeln auf einem Laptop aufzeichnen und auf den Spuren 31 und 32 gleichzeitig die fertige Stereosumme für einen Kontrollmitschnitt sichern.
- Main L/R auf Aux Out legen:
- Öffnen Sie Routing → Aux Out.
Aux Out 5= Main L, Abgriff: Post Fader.Aux Out 6= Main R, Abgriff: Post Fader.
- User-Ausgangspatch anlegen:
- Öffnen Sie Routing → User und wählen Sie User Out.
- Belegen Sie Slots 1–30 mit
Local In 1–30(oderAES50 A 1–30). - Belegen Sie Slot 31 mit
Aux Out 5. - Belegen Sie Slot 32 mit
Aux Out 6.
- Kartenausgänge zuweisen:
- Öffnen Sie Routing → Card Out.
- Stellen Sie die 4 Blöcke auf User Out 1–8, User Out 9–16, User Out 17–24 und User Out 25–32.
- Ergebnis: Ihre DAW zeichnet auf Spur 1–30 unverfälschte Vorverstärkersignale auf und sichert auf Spur 31–32 den abgemischten PA-Mix!
Vorlage 3: Umschaltung für Virtual Soundcheck mit einem Tastendruck
Situation: Schnelles Hin- und Herschalten aller 32 Kanäle zwischen den Live-Mikrofonen der Bühne und den Zuspielspuren der DAW auf dem Computer.
- Live-Einstellung:
Routing → Home: Inputs 1–32 stehen aufAES50 A 1–32(oderLocal 1–32).
- Virtual-Soundcheck-Einstellung:
Routing → Home: Inputs 1–32 umgestellt aufCard 1–8,Card 9–16,Card 17–24undCard 25–32.
- Speichern Sie diese Umschaltung in zwei Snippets (z. B.
Snippet 01: VSC EIN,Snippet 02: VSC AUS), die ausschließlich den Parameterbereich Routing umfassen. Nun schalten Sie das gesamte Pult mit einem Tastendruck um!