Kapitel 06: Kanalbearbeitungs-Architektur

Jeder Eingangskanal des Behringer X32 und Midas M32 verfügt über einen leistungsfähigen internen Bearbeitungszug, der von der 40-Bit-Fließkomma-DSP in Echtzeit berechnet wird. Jeder Kanalzug umfasst Phasenumkehr, ein steilflankiges Low-Cut-Filter, ein flexibles Gate/Expander/Ducker-Modul, Einschleifpunkte (Inserts), einen 4-Band vollparametrischen Equalizer mit Echtzeit-Analyzer (RTA), einen vollwertigen Dynamik-Kompressor/Limiter mit nativer paralleler Mischung sowie Bus-Zuweisungen.

Dieses Kapitel beschreibt den Signalfluss im Kanalzug, die Funktionsweise aller Bearbeitungsblöcke und praxiserprobte Einstellwerte für den Live-Betrieb.


1. Signalfluss-Architektur im Kanalzug

Das Verständnis der internen Bearbeitungsreihenfolge ist entscheidend, um das Zusammenspiel von Filtern, Kompressor und Fader zu beherrschen:

# Block Bereich / Optionen Hinweise
1 Eingangsquelle Lokale XLR, AES50, Card oder Aux
2 Analog Gain -12 bis +60 dB Bei aktivem HA Gain Split stattdessen digitaler Trim
3 Polarität (Ø) Ein / aus 180° elektrische Phasenumkehr
4 Low Cut 20–400 Hz, 12 dB/Okt. Hochpassfilter
5 Gate / Duck Expander 2/3/4, Gate, Ducker Mit Sidechain-Key-Filter
— Insert-Punkt PRE Internes Effekt-Rack oder Aux Optional
6 4-Band-PEQ Low, Lo-Mid, Hi-Mid, High Low Cut, Shelving, PEQ, High Cut
7 Dynamik Kompressor / Limiter / Expander RMS/Peak, paralleler Mix %
— Insert-Punkt POST Internes Effekt-Rack oder Aux Optional
8 Kanal-Mute Ein / aus Wirkung auf Pre/Post-Fader-Sends einstellbar
9 100-mm-Fader -∞ bis +10 dB
10 Panorama / Balance → Main-Stereobus (L/R) und Mono-/Center-Bus
11 Bus-Sends Mix-Busse 1–16 Abgriffe: In/LC, Pre-EQ, Post-EQ, Pre-Fade, Post-Fade, Subgroup
Hinweis

Reihenfolge von EQ und Dynamik umschaltbar: Die Reihenfolge von Equalizer und Kompressor kann getauscht werden. Auf der Seite Channel → Config lässt sich EQ Pre/Post Dyn umschalten. Liegt der Kompressor vor dem EQ, verhindern spätere EQ-Anhebungen ein unerwünschtes Pumpen des Kompressors.


2. Low-Cut-Filter (Hochpassfilter / HPF)

Das Low-Cut-Filter ist ein aktives Butterworth-Hochpassfilter mit 12 dB/Oktave Flankensteilheit, einstellbar von 20 Hz bis 400 Hz.

Warum Low-Cut Pflicht auf fast jedem Kanal ist:

  • Subwoofer-Schutz: Verhindert, dass Infraschall, Trittschall vom Bühnenboden, Schläge gegen das Stativ oder Klimaanlagen-Rumpeln die Subwoofer überlasten.
  • Headroom-Schonung: Tiefe Frequenzen fressen enorme Verstärkerleistung. Das Wegfiltern unhörbaren Bassmülls schafft gewaltigen Headroom im Gesamtsystem.
  • Sprachverständlichkeit: Beseitigt Explosivlaute („P“- und „B“-Pops) und Mikrofon-Handhabungsgeräusche zuverlässig.

Richtwerte für Trennfrequenzen:

Instrument / Quelle Empfohlene Grenzfrequenz Begründung
Sprache / Kanzel / Moderation 120 Hz – 160 Hz Entfernt Dröhnen im Brusttonbereich und mechanischen Körperschall.
Lead- & Background-Vocals 100 Hz – 140 Hz Macht Stimmen durchsetzungsfähig, ohne das warme Fundament abzuschneiden.
Akustikgitarre 80 Hz – 100 Hz Bändigt dröhnende Korpusresonanzen und beugt Bass-Feedback vor.
E-Gitarre 80 Hz – 100 Hz Säubert den Tiefmull der Lautsprecherbox; lässt Raum für den E-Bass.
Snare Drum 80 Hz Filtert Übersprechungen der Bassdrum aus dem Kessel heraus.
Toms 60 Hz – 80 Hz Erhält den satten Kessel-Wumms, stoppt aber Sub-Rumpeln.
Becken / Overheads 120 Hz – 250 Hz Overheads sollen Beckenbrillanz einfangen, nicht den Schalldruck der Kick.
E-Bass 30 Hz – 40 Hz Schützt Lautsprechermembranen vor Infraschall unterhalb der H-Saite (31 Hz).
Bassdrum (Kick) 25 Hz – 30 Hz Erhält den Tiefbass-Druckschub, filtert aber taumelnde Membran-Hübe.
Keyboards / Synth 40 Hz – 60 Hz Verhindert, dass Sub-Bass-Presets den Gesamt-Mix verschmieren.

3. Gate, Expander & Ducker

Das X32 bietet fünf verschiedene Betriebsmodi in der Gate-Sektion:

Modus Ratio Verhalten
Expander 2 1:2 Sanfte Absenkung unterhalb des Thresholds
Expander 3 1:3 Mittlere Absenkung
Expander 4 1:4 Kräftige Absenkung
Gate — Hartes Stummschalten unterhalb des Thresholds
Duck — Senkt das Signal ab, wenn das Steuersignal den Threshold übersteigt

Parameter:

  • Threshold (-80 dB bis 0 dB): Schwellenwert, ab dem das Modul öffnet.
  • Range (0 dB bis 60 dB): Absenktiefe bei geschlossenem Gate. (Ein Wert von 12–18 dB klingt im Live-Mix deutlich natürlicher und musikalischer als ein abruptes 60-dB-Abschneiden!).
  • Attack (0 bis 120 ms): Öffnungsgeschwindigkeit. Für Drums immer 0 ms (sofortiges Öffnen).
  • Hold (0,02 ms bis 2000 ms): Haltedauer, die das Gate nach Unterschreiten des Schwellenwerts noch voll geöffnet bleibt.
  • Release (5 ms bis 4000 ms): Ausschwingzeit, in der das Gate sanft zufährt.

Key-Filter (Sidechain-Filterung):

Das Steuersignal kann frequenzselektiv gefiltert werden:

  • Filtermodi: Low Cut (6/12 dB), High Cut (6/12 dB) oder Peak (Bandpass, Q 0,3–10,0).
  • Frequenz: 20 Hz bis 20 kHz.
  • Key Source: Intern (Self) oder jeder andere beliebige Kanalzug bzw. Mix-Bus.

Praxiseinsatz von Gate & Ducker:

  1. Snare-Übersprechungen auf Toms ausblenden:
    • Modus auf Expander 3 mit 15 dB Range stellen.
    • Key-Filter auf Peak bei 120 Hz bis 180 Hz (Grundton des jeweiligen Toms) einstellen.
    • Das Gate öffnet nun nur noch beim tatsächlichen Anschlag des Toms, während laute Snare-Schläge und Beckenbeilagen ignoriert werden.
  2. Sidechain-Ducking von E-Bass durch die Kickdrum:
    • Wählen Sie den E-Bass-Kanal und schalten Sie das Gate in den Modus DUCK.
    • Als Key Source wählen Sie den Kanal der Kickdrum.
    • Range auf 4 dB bis 6 dB, Attack auf 5 ms, Release auf 80 ms stellen.
    • Ergebnis: Bei jedem Kick-Schlag senkt sich der Bass für den Bruchteil einer Sekunde um 5 dB ab. Kick und Bass verzahnen sich perfekt, ohne dass sich die Tiefbässe gegenseitig überlagern.
  3. Automatisches Ducking von Musik bei Sprache:
    • Hintergrundmusik (Aux 7/8) auswählen. Modus auf DUCK stellen und als Key Source das Mikrofon des Pastors bzw. Moderators wählen. Die Musik wird automatisch leiser, sobald jemand spricht.

4. 4-Band vollparametrischer Equalizer (PEQ)

Jeder Eingangskanal verfügt über vier vollwertige parametrische Bänder. Band 1 (Low) und Band 4 (High) können alternativ als Kuhschwanz- (Shelving) oder Schnittfilter (Cut) arbeiten:

Band Filtertypen
1 – Low Low Cut (12 dB/Okt.), Low Shelving oder parametrisch
2 – Lo Mid Parametrisch
3 – Hi Mid Parametrisch
4 – High High Cut (12 dB/Okt.), High Shelving oder parametrisch
Parameter Bereich
Frequenz 20 Hz bis 20 kHz (feine 1/3-Oktav-Schritte)
Gain -15,0 dB bis +15,0 dB (0,5-dB-Schritte)
Q (Bandbreite) 0,3 (breit, 2,5 Oktaven) bis 10,0 (chirurgisch schmal, 1/10 Oktave)

Echtzeit-Analyzer (RTA):

Drücken Sie VIEW im EQ-Bereich. Das Display blendet den 100-Band-RTA direkt hinter der Filterkurve ein:

  • RTA-Modus: Balkenanzeige oder Spektrogramm (Wasserfall).
  • Abgriff: Pre (zeigt das unveränderte Rohsignal) oder Post (zeigt das Ergebnis nach dem EQ).

Die „Sweep and Destroy“-EQ-Technik:

So beseitigen Sie klingelnde Resonanzen, Feedback-Frequenzen oder nasale Töne:

  1. Ein parametrisches Mittenband wählen (Band 2 oder 3).
  2. Q schmal einstellen (Q = 5,0 bis 8,0) und den Gain um +9 dB anheben.
  3. Den Frequenzregler langsam durch das Spektrum fahren, während der Musiker singt oder spielt.
  4. Sobald die störende Frequenz unangenehm heraussticht, anhalten.
  5. Den Gain von +9 dB auf -3 dB bis -6 dB umkehren und das Q etwas verbreitern (Q = 2,0 bis 3,0). Die störende Resonanz verschwindet, ohne dem Instrument seine Musikalität zu nehmen.

EQ-Spickzettel für Instrumente:

Instrument Frequenz Einstellung Warum
Gesang 80–140 Hz Low Cut Gegen Explosivlaute und Bühnenrumpeln
200–300 Hz 2–3 dB absenken Weniger Matsch / Nahbesprechungseffekt
1,0–1,5 kHz Schmal absenken Entfernt den billigen „Megafon“-Klang
3,0–4,0 kHz Sanft anheben Sprachverständlichkeit und Artikulation
10–12 kHz High Shelf +2 dB Weicher, luftiger Glanz
Snare 80 Hz Low Cut
200–240 Hz 2–4 dB anheben Snare-„Fleisch“ und Körper
600–900 Hz Schmale Kerbe -4 dB Entfernt den hohlen Pappkarton-Ring
2,5–3,5 kHz 2–3 dB anheben Stick-Anschlag und Attack
8 kHz High Shelf Teppich-Brillanz
Bassdrum 30 Hz Low Cut
50–70 Hz 3 dB anheben Sub-Bass-Druck
250–400 Hz 4–8 dB tief absenken Räumt den matschigen Pappkarton-Klang aus
3,5–5,0 kHz 3–5 dB anheben Schlägel-Klick, setzt sich gegen dichte Gitarren durch
E-Gitarre 80 Hz Low Cut
400–500 Hz 2–3 dB absenken Entfernt Matsch, schafft Platz für den Bass
2,0–3,5 kHz Sanft anheben Holt die Gitarre nach vorne
6,5 kHz High Cut Entfernt digitales Amp-Modeler-Kratzen

5. Dynamik: Kompressor, Limiter & Parallele Kompression

Der Kanalkompressor glättet Dynamiksprünge, sorgt für Durchsetzungsfähigkeit und liefert kontrollierten Druck.

Parameter:

  • Threshold (-60 dB bis 0 dB): Schwellenwert, ab dem komprimiert wird.
  • Ratio (1,1:1 bis 100:1 / Limiter): Kompressionsrate.
    • 2:1: Sanftes Einebnen für Akustikgitarren oder Chor.
    • 3:1 bis 4:1: Standardwert für Live-Gesang und E-Bass.
    • 8:1 bis 10:1: Kräftige Zähmung für dynamische Drums.
    • 100:1: Hard-Knee-Spitzenwertbegrenzer (Limiter).
  • Attack (0 bis 120 ms): Ansprechzeit.
    • Schnell (0–5 ms): Fängt Pegelspitzen ab; glättet Gesang.
    • Langsam (20–50 ms): Lässt den Anschlagstransienten ungehindert durch, bevor komprimiert wird – sorgt für maximalen Klick und Druck bei Drums.
  • Hold (0 bis 2000 ms) & Release (10 bis 4000 ms): Erholzeit nach der Kompression. (Das Release sollte natürlich mit dem Tempo des Songs atmen; für Gesang typischerweise 100–200 ms).
  • Knee (0 = Hard Knee bis 5 = Soft Knee): Sanfterer Übergang in die Kompression.
  • Detektion: RMS (gehörrichtig, musikalisch weich) vs. Peak (blitzschnell auf Spitzen reagierend).
  • Make-up Gain (0 dB bis 24 dB): Gleicht den durch Kompression verlorenen Ausgangspegel wieder aus.

Integrierte parallele Kompression (Der MIX-Regler):

Jeder Kanalkompressor im X32 besitzt einen integrierten MIX-Regler (0% bis 100%):

  • 100%: Reines komprimiertes Signal (seriell).
  • 50%: Mischt 50% unkomprimiertes Originalsignal mit 50% brachial komprimiertem Signal (New-York-Style Parallelkompression).
  • Vorteil: Sie können eine Snare Drum oder Gesangsstimme mit 10:1 Ratio und 10 dB Gain-Reduction massiv verdichten und den MIX-Regler dann auf 40% zurückdrehen. So erhalten Sie maximalen Druck, klare Transienten und endloses Sustain, ohne dass es gequetscht oder erstickt klingt.

6. Kanal-Inserts

Jeder Kanal kann wahlweise einen der 8 internen virtuellen Rack-Effektprozessoren oder ein externes Hardware-Gerät einschleifen:

  1. Öffnen Sie Channel → Config.
  2. Insert: Wählen Sie FX 1L bis FX 8R oder physische Klinkenbuchsen Aux 1 bis Aux 6.
  3. Insert Position:
    • PRE: Vor EQ und Kompressor eingeschleift.
    • POST: Nach EQ und Kompressor eingeschleift.
  4. Schalten Sie den Schalter INSERT ON ein.

7. Stereo-Kanalverkopplung (Stereo Linking)

Ungerade und gerade Kanalpaare (z. B. 1+2, 3+4, 15+16) können zu einem echten Stereokanal verknüpft werden:

  1. Wählen Sie den ungeraden Kanal (z. B. Kanal 1).
  2. Drücken Sie auf der Seite Config den Drehknopf Link und bestätigen Sie mit YES.
  3. Beide Scribble-Strips zeigen nun Klammern für die Verkopplung an.
  4. Verhalten der Verkopplung: Fader, Mute, EQ, Kompressor und Preamp-Gain bewegen sich synchron.
  5. Unabhängiges Panorama: Die Panoramaregler werden automatisch entkoppelt und gespiegelt (Kanal 1 hart links, Kanal 2 hart rechts), damit das Stereobild erhalten bleibt. Die Link-Regeln legen Sie unter SETUP → CONFIG → Link Preferences fest.
Unabhängiges Praxis-Handbuch. X32 ist eine Marke von Behringer / Music Tribe, M32 von Midas.