Kapitel 04: Firmware 4.x User Routing & 1:1-Patching

Funktionsweise des User-Input- und User-Output-Patchings ab Firmware 4.0, typische Einsatzszenarien und Schritt-für-Schritt-Einrichtung am Mischpult sowie in der Remote-Software.


1. Warum User Routing unverzichtbar ist

Vor Firmware 4.0 konnten Eingänge und Ausgänge am X32 ausschließlich in starren Achter-Blöcken gepatcht werden. Kanäle 1–8 stammten entweder komplett von den lokalen Preamps 1–8, von AES50 A 1–8 oder von der USB-Karte – immer als geschlossene Einheit.

Dies führte in der Live-Praxis schnell zu massiver Kanalverschwendung:

  • Auf der Bühne stehen 28 Mikrofone an einer digitalen Stagebox, am FOH-Pult befinden sich 4 Funkempfänger. Beim klassischen Block-Routing belegten die 4 Funkstrecken einen kompletten 8er-Block lokaler Eingänge – 4 wertvolle Kanäle der Stagebox blieben ungenutzt.
  • Sie benötigten nur ein einziges Signal von einer zweiten Stagebox, mussten dafür jedoch einen vollen Achterblock reservieren.

Der bisherige Behelfsweg bestand darin, die Kanalquelle jedes einzelnen Kanalzugs manuell umzustellen (Channel → Config → Source). Das funktionierte zwar, verteilte die Patch-Logik jedoch über 32 verschiedene Menüseiten. Schnell lag unbemerkt dasselbe Mikrofon auf zwei Kanälen: Muted man den einen, war das Mikrofon immer noch hörbar, und die Fehlersuche im Live-Stress begann.

Das mit Firmware 4.0 eingeführte User Routing bietet ein echtes, zentrales 1:1-Patching. Jeder einzelne der 32 Eingangskanäle und bis zu 48 Ausgänge können völlig unabhängig mit jeder beliebigen Signalquelle belegt werden.

Hinweis

Voraussetzung: Firmware 4.0 oder neuer auf dem X32 / M32. Ältere Firmware-Versionen besitzen den Reiter User im Routing-Menü noch nicht.


2. Der Signalweg zum Kanalzug

Schritt Wo Was passiert
1. Physischer Eingang — Local 1–32, AES50 A 1–48, AES50 B 1–48, Card 1–32, Aux In 1–6, Talkback int/ext
2. User-Patch Routing → User User In 1 … 32, jeder wählt eine der Quellen oben
3. Eingangsblock Routing → Home Eingänge 1–8 = User In 1-8, 9–16 = User In 9-16, 17–24 = User In 17-24, 25–32 = User In 25-32
4. Kanal Channel → Config Quelle IN 1 … 32 — auf 1:1 lassen

Drei Einstellungen müssen ineinandergreifen:

  1. Der User Input Patch legt fest, welche physische Buchse den Slot User In N speist.
  2. Der Eingangsblock auf der Routing-Home-Seite muss auf User In geschaltet sein (z. B. User In 1-8). Andernfalls wird das User-Patching für diesen Block ignoriert. Sie können Blocktypen mischen: Kanäle 1–24 von AES50 und Kanäle 25–32 aus dem User Patch.
  3. Die Kanalquelle (Channel Source) sollte auf Standard (1:1) verbleiben (Kanal N = Input N). Alle individuellen Zuordnungen gehören in das zentrale User-Patching.

3. User In im Vergleich zu User Out

Merkmal User In User Out
Verfügbare Slots 32 48
Wählbare Signalquellen Local 1-32, AES50 A 1-48, AES50 B 1-48, Card 1-32, Aux In 1-6, Talkback intern / extern Alle Quellen von User In plus die 16 XLR-Outs, P16 1-16, Aux Out 1-6 und Monitor L/R
Zielanwendung Die 32 Eingangskanäle (Eingangsblöcke User In 1-8 …) sowie Card- und AES50-Ausgänge Card-Ausgänge und AES50 A / B-Ausgänge (Blöcke User Out 1-8 … 41-48)
Einschränkung — Kann nicht direkt eigene Kanalzüge des Pultes speisen

User Out dient der flexiblen Bereitstellung von Signalströmen für externe Geräte: Mehrspur-Recorder, Streaming-Rechner oder Zweitmischpulte.

Tipp

Mix-Busse und Matrizen in User Out einbinden: Mix-Busse und Matrizen tauchen nicht direkt als Quelle in User Out auf. Weisen Sie den Bus oder die Matrix zuerst einem physischen Ausgang zu (z. B. Aux Out 5 = Matrix 1, Post Fader), und wählen Sie anschließend diesen Ausgang (Aux Out 5) im User-Out-Patch aus.


4. Schritt-für-Schritt-Konfiguration am Mischpult

  1. Drücken Sie die Taste ROUTING und blättern Sie mit den Pfeiltasten nach rechts zum Reiter User.
  2. Der erste Dreh-Encoder schaltet zwischen User In (Eingänge) und User Out (Ausgänge) um.
  3. Wählen Sie den gewünschten Slot (z. B. User In 1) und stellen Sie mit den weiteren Encodern die physische Quelle ein.
  4. Wechseln Sie zurück zum Reiter Home und stellen Sie die benötigten Eingangsblöcke auf User In 1-8 / 9-16 / 17-24 / 25-32.
  5. Für Mehrspuraufnahmen öffnen Sie den Reiter Card Out (oder AES50 A/B Out) und wählen dort ebenfalls die passenden User-Blöcke. Mit dem sechsten Encoder blättern Sie durch die 32 Card-Kanäle und prüfen, welches Signal auf jedem liegt.

5. Typische Praxisszenarien

Szenario 1: Stagebox plus Funkstrecken am FOH

28 Mikrofone an einer AES50-Stagebox, 4 Funkempfänger am FOH-Pult.

User In Slot Physische Signalquelle
1–28 AES50 A 1–28
29–32 Local In 1–4 (oder Aux In 1–4)

Eingangsblöcke: 1–8, 9–16, 17–24 und 25–32 auf User In. Kein Eingang wird verschenkt, und alle Funkstrecken stehen direkt am Mischplatz zur Verfügung.

Szenario 2: Zwei Stageboxen und lokale Zuspielungen

Das Schlagzeug belegt 12 Eingänge an Stagebox A, der Rest der Band liegt an Stagebox B, und zwei Ansage-Mikrofone sind lokal angeschlossen.

User In Slot Physische Signalquelle
1–12 AES50 A 1–12
13–28 AES50 B 1–16
29–30 Aux In 1–2

Das Patching muss nicht sequentiell sein. Ein Bass-Rig mit zwei Ausgängen an Stagebox B kann auf die Kanäle 17/18 (AES50 B 1-2) gelegt werden, während die umliegenden Kanäle weiterhin von Stagebox A kommen.

Szenario 3: Mehrspuraufnahme mit identischem Kanalabgriff

Stellen Sie die Card-Ausgänge auf User In 1–32. Die Aufnahmesoftware zeichnet exakt die den Kanälen zugeordneten Eingangssignale auf (Spur 1 = Kanal 1). Für den Virtual Soundcheck schalten Sie die Eingangsblöcke einfach auf Card 1–8 … 25–32 um – alle Kanäle spielen sofort ihre aufgezeichneten Spuren ab.

Szenario 4: 30 Einzelspuren + PA-/Streaming-Summe aufzeichnen

Card-Ausgänge auf User Out 1–32:

User Out Slot Signalquelle
1–30 Local In 1–30 (Bühneneingänge)
31–32 Summenausgänge (z. B. Out 15 / Out 16 oder Aux Out 5 / 6 mit Matrix)

Die DAW oder Streaming-Software empfängt die Mischung auf den Card-Eingängen 31/32. Erwartet Ihre Streaming-Software die Mischung auf den ersten beiden Kanälen, legen Sie sie stattdessen auf User Out 1/2 und die 30 Eingänge auf 3–32.

Szenario 5: Ein zweites Mischpult über AES50 B speisen

Stellen Sie die AES50-B-Ausgänge auf User Out 1-8 … 41-48. Damit wählen Sie bis zu 48 Signale für das andere Pult aus: Eingänge beider Stageboxen, Card-Rückwege, beliebige Ausgänge, P16-Feeds oder den Monitorbus.


6. Typische Fehlerquellen

  • Ein Eingang auf zwei Kanälen: Wurde eine Kanalquelle manuell verstellt, kann ein Mikrofon auf zwei Fadern liegen. Das Stummschalten eines Kanals schaltet das Mikrofon dann nicht stumm. Belassen Sie die Kanalquellen auf 1:1 und nutzen Sie stets das User Patching.
  • Eingangsblock nicht auf User In gestellt: Das Konfigurieren der User-Slots bewirkt nichts, solange der entsprechende 8er-Block im Home-Menü nicht auf User In steht.
  • Kein Umpatchen während des Live-Konzerts: Jedes Umpatchen trennt die bisherige Signalverbindung augenblicklich. Speichern Sie vor Änderungen stets eine Szene (oder ein Routing-Preset in der LIBRARY).
  • Vorverstärker-Gain folgt dem physischen Eingang: Nach dem Umpatchen regelt Kanalzug 2 möglicherweise den Gain der Stagebox-Buchse A2 statt des lokalen Eingangs 2. Der Gain gehört zur Buchse, nicht zum Fader.

X32 ist eine Marke von Behringer / Music Tribe, M32 von Midas. Die praktischen Setup-Abläufe in diesem Handbuch orientieren sich an bewährter Praxis der Mischpulttechnik und an Routing-Anleitungen.

Unabhängiges Praxis-Handbuch. X32 ist eine Marke von Behringer / Music Tribe, M32 von Midas.